Betreutes Wohnen - Andreas SG.vo Wallenberg Pachaly

Andreas S.G. von Wallenberg Pachaly, Düsseldorf, Deutschland

Title
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Ebene 10
Betreutes Wohnen
als
Therapeutische Gemeinschaft in der Gemeinde ©
Freie gemeinnützige Beratungsstelle für Psychotherapie e.V. ,  Mitglied im DPWV
Andreas von Wallenberg Pachaly - Düsseldorf
Inhaltsübersicht:
A. Zusammenfassung
B. Das Model
1. Der Träger
           1.1 Mitarbeiter
2. Die Organisation - äußere Strukturen
           2.1 Standort und bauliche Strukturen
           2.2 Mietverhältnis
           2.3 Betreuungsvertrag
3. Die Diagnosen
4. Aufnahme in die therapeutische Gemeinschaft
           4.1 Aufnahmevoraussetzungen
           4.2 Perspektivgruppe
5. Theoretischer Hintergrund: Das Konzept
           5.1 Die fünf Säulen der therapeutischen Gemeinschaft in der Gemeinde
           5.2 Die Lebens-Netzwerk-Gruppe als Systemgruppe
           5.3 Art und Umfang der Betreuung
6. Psychologischer Hintergrund: Das Milieu       
           6.1 Die Arbeit mit dem Milieu
           6.2 Milieutherapeutische Aktionstage
           6.3 Das milieutherapeutische Wochenende
7. Die Organisation: innere Strukturen
           7.1 Die Rolle des Sozialarbeiters
           7.2 Die Rolle der Supervision
           7.3 Der Stellenwert der Arbeit
8. Verlassen der therapeutischen Gemeinschaft
           8.1 Bewerbungsgruppe
           8.2 Nachsorge
9. Relisierbarkeit durch vorhandene Mittel
10. Theoriebildung und -weiterentwicklung
C.  Abschließende Bewertung des Modells
1. Leistungsebenen, die qualitativ verbessert bzw.wirtschaftlich entlastet werden
2. Was macht das Innovative aus?
3. Evaluierbarkeit
4. Zusammenfassende Bewertung
D. Literatur
Berliner Allee 32  - 40213 Düsseldorf
Telefon: 0211/ 88 000 99  - Fax: 0211 / 88 00 97
1. Zusammenfassung
Die Freie gemeinnützige Beratungsstelle für Psychotherapie e.V. betreut vier Wohngemeinschaften mit 30 Plätzen. Das Projekt des Betreuten Wohnens wurde vom Landschaftsverband Rheinland vor 10 Jahren ermöglicht. Besonderes Anliegen des Vereins ist es, nicht nur die räumliche Auslagerung psychisch kranker Menschen aus den psychiatrischen Anstalten in die Gemeinde zu betreiben, sondern dies mit einem Zuwachs an qualifizierten Rehabilitations- und Therapiemöglichkeiten für die Betroffenen zu verbinden. Denn nur so wird für den Patienten eine soziale und psychische Integration in die Gemeinde möglich. Um dies zu erreichen, haben wir  - ausgehend von der Therapeutischen Gemeinschaft, wie sie im stationären Bereich bereits bekannt ist - ein äquivalentes Modell für den ambulanten Bereich des Betreuten Wohnens entwickelt: die Therapeutische Gemeinschaft in der Gemeinde. In diesem Rahmen versuchen wir die gesunden Anteile des Patienten bestmöglich zu fördern und zu fordern und die konstruktiven Kräfte des gemeinschaftlichen Gruppenlebens in der Wohngemeinschaft bewußt zu nutzten, um die Weiterentwicklung des einzelnen Bewohners zu ermöglichen. Er wird unterstützt, seine defizitären und konflikthaften Anteile durch eine geeignete Psychotherapie aufzuarbeiten, seinen Tagesablauf in ausreichend fordernder Weise zu strukturieren und wir bemühen uns sein Lebensfeld in eine heilsame Lebens-Netzwerk-Gruppe umzustrukturieren.
Historie
Die Freie gemeinnützige Beratungsstelle für Psychotherapie e. V. hat ihre erste Wohngemeinschaft für psychisch Kranke 1989 mit zunächst 3 Bewohnern aufgebaut. Heute betreuen wir 30 psychisch kranke Frauen und Männer in insgesamt 4 Wohngemeinschaften.
Bewohner
Zu den Krankheitsbildern gehören massive Angstzustände, Depressionen, manisch-depressive Reaktionen, Borderlinesyndrom, Schizophrenie und Psychosen. Suchterkrankungen sind ausgeschlossen. Die meisten Bewohner haben mehrfache Klinikaufenthalte in der Psychiatrie hinter sich und bei Einzug in die WG eine entsprechend hohe Dosierung an Psychopharmaka. Manche der Patienten schaffen es, im Laufe ihrer WG-Zeit ganz darauf zu verzichten, andere können die Dosis deutlich reduzieren. Gleiches gilt für Anzahl und Dauer der Klinikaufenthalte.
Theoretischer Hintergrund: Konzept
Damit dies möglich wird, ist eine hohes Maß an Sozialenergie nötig, wie sie die sogenannte Therapeutische Gemeinschaft erzeugt. Diese verstehen wir als eine Lebens-Arbeits-Lern-Gemeinschaft, in der eine Kultur gegenseitiger Anteilnahme, aber auch regelmäßiger Auseinandersetzung mit den Problemen und Bedürfnissen des Einzelnen gefördert wird. Im stationären Bereich ist das Modell bereits bekannt. Neu ist jedoch, daß in den von uns betreuten WGs zum ersten Mal der Versuch unternommen wird, die Idee der Therapeutischen Gemeinschaft im ambulanten Bereich zu verwirklichen: Die Therapeutische Gemeinschaft in der Gemeinde.
Das Modell wird von fünf Säulen getragen:
1. obligatorische Teilnahme an zwei wöchentlichen Gruppensitzungen der
   einzelnen WGs
2. vierzehntägig Teilnahme an der Großgruppe aller von uns betreuten
   Wohngemeinschaften
3. strukturierter Tagesablauf für jeden Bewohner, kein „Rumhängen“
4. Förderung der Teilnahme an einer für den jeweiligen Patienten indizierten
   Psychotherapie
5.Vernetzung des Lebensumfeldes des Patienten zu einer Lebens-Netzwerk-Gruppe
Das Leben in einer betreuten WG ist auf drei Jahre begrenzt und kann im Bedarfsfall auf maximal fünf Jahre verlängert werden. Inzwischen leben die ersten ehemaligen Bewohner entweder allein in einer eigenen Wohnung, zusammen mit einem Partner oder in einer freien WG.
Psychologischer Hintergrund
Zum Leben in einer betreuten Wohngemeinschaft gehört die Tatsache, daß alle Bewohner ihren Urkonflikt wiederbeleben und in immergleichen Mustern dieselben Schwierigkeiten mit ihren Mitbewohnern inszenieren. In den Gruppensitzungen lernen die Patienten, über genau diese Probleme zu sprechen. Dabei werden die zwischenmenschlichen Anliegen ebenso berücksichtigt wie die organisatorischen.
Im Gegensatz zu anderen Ländern aus dem angelsächsischen und skandinavischen Raum ist in der BRD das Wissen, daß auch psychose- und schizophreniekranken Menschen durch eine qualifizierte Psychosenpsychotherapie signifikant geholfen werden kann unzulänglich verbreitet. Statt dessen wird oft nur eine lebenslange Einnahme von Psychopharmaka empfohlen, die, wenn sie nicht in psychotherapeutische Begleitung und Auseinandersetzung eingebettet ist, das Selbstvertrauen des Patienten kontinuierlich zu untergraben droht, da seine Selbstheilungskräfte weder geweckt noch unterstützt werden.
Charakteristika des Betreuten Wohnens
1. Studieren der Gruppe als eine Gemeinschaft und als eine Leben-Arbeiten-Lernen-Institution.
2. Nutzen des therapeutischen Potentials der Gruppe, der Großgruppe und der Lebens-Netzwerk-Gruppe.
3. Förderung einer Gruppenkultur des kontinuierlichen Nachfragens.
3. Verwendung von gruppendynamischem und psychodynamischem Wissen als ein möglicher Zugang, um die aktuelle Gruppensituation und die Dynamik des einzelnen Patienten im Spiegel der Gruppe zu verstehen.
4. Zusammenbringen der verschiedenen abgespaltenen und fragmentierten Erfahrungen, die der Patient in den unterschiedlichen Bereichen wie Leben in der WG, Arbeit, Psychotherapie macht.
5. Stetes Bemühen um klare Grenzen bezüglich Zeit, Ort und Rollen als Voraussetzung für den Prozeß der Integration.
6. Ermöglichung von grundlegenden strukturellen Persönlichkeitsveränderungen durch den integrierten Einsatz qualifizierter Borderline- bzw. Psychosenpsychotherapie, bei sog. psychiatrischen Patienten, die an Schizophrenie, Psychosen oder schweren Borderline-Zuständen leiden.
7. Integratives Gruppenkonzept: absichtliches Zusammenbringen weniger schwer und schwer kranker Patienten verschiedener diagnostischer Kategorien in eine Gruppe (heterogene Gruppenzusammensetzung).
8. Förderung der gesunden Anteile des Patienten, Forderung seines emotionalen Wachstums und gleichzeitige Entgegenwirkung einer malignen Regression.
Die Zielsetzung unseres Betreuungskonzeptes läßt sich wie folgt zusammenfassen:
·     Selbständige Haushaltsführung, Selbstversorgung, Eigenfinanzierung von Miete und Lebensunterhalt (kein Pflegesatz)
·     Strukturierung und Gestaltung des Tagesablaufs, Förderung einer differenzierten Freizeitgestaltung
·     Psychische Stabilisierung durch Gruppen- bzw. Einzeltherapie, Aufbau und Förderung der Ich-Funktionen, Bearbeitung lebensgeschichtlicher Traumata
·     Absetzung oder Reduktion der Psychopharmaka, Reduktion der Anzahl und Dauer der psychiatrischen Klinikaufenthalte
·     Aufbau sozialer Kompetenz (Selbstsicherheit, Konflikt- und Beziehungsfähigkeit)
·     Auseinandersetzungsfähigkeit, Abgrenzungsfähigkeit und ein Interesse, sich auch nach dem Leben in der betreuten Wohngemeinschaft weiterentwickeln zu wollen
·     Förderung der Fähigkeit zu dauerhaften Außenkontakten, Arbeit/Beschäftigung/Ausbildung, sowie der Fähigkeit, sich bei auftretenden Schwierigkeiten Unterstützung holen zu können
Selbstsicherheit im Umgang mit Institutionen wie Behörden, Sparkassen, etc.
2. Der Träger
Der Träger der Wohngemeinschaften ist die „Freie gemeinnützige Beratungsstelle für Psychotherapie e.V.“, Mitglied im Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverband.
Der Verein wurde 1986 in privater Initiative von 7 im medizinisch-therapeutischen Bereich tätigen Mitgliedern gegründet. Ziel sollte eine Beratungsstelle sein, die allen Mitbürgern offensteht, die sich über die Möglichkeiten von Psychotherapie beraten lassen oder in akuten Krisensituationen Hilfe holen möchten. Dabei ist ein besonderes Anliegen, auch die Bevölkerungsschichten zu erreichen, die traditionell sehr tiefsitzende Berührungsängste mit der Psychotherapie haben.
Erweiterung der Aufgabenbereiche:
1. Mit dem Bereich des Betreuten Wohnens versuchen wir seit 1989 einen aktiven Beitrag zur Verbesserung der ambulanten, gemeindenahen Versorgung psychisch kranker Menschen zu leisten
2.1 Mitarbeiter
Für den Aufbau und die Betreuung von 4 Wohngemeinschaften für 30 Bewohner stehen uns seit November 1996 drei Sozialarbeiter, -pädagogenstellen zu, die mit einer Sozialpädagogin und zwei Sozialpädagogen besetzt sind. Diese Mitarbeiter verfügen über Kenntnisse und Berufserfahrungen im Bereich psychosozialer Arbeit, Psychotherapie und Gruppenarbeit. Die Bewohner haben ein Anhörungsrecht bei der Neueinstellung von hauptamtlichen Mitarbeitern. Für die unter fachlicher Anleitung durchgeführte Supervision stehen 3,5 Wochenstunden zur Verfügung.
Die Arbeit wird weiterhin inhaltlich und organisatorisch unterstützt von einem Zivildienst leistenden, 6 ehrenamtlichen Mitarbeiter/innen (davon 3 ausgebildete Psychoanalytiker und Familientherapeuten), einigen ehemaligen Bewohnern der Wohngemeinschaften sowie einem ehrenamtlichen Mitarbeiter im Bereich Öffentlichkeitsarbeit.
3. Die Organisation - äußere Strukturen
3.1  Standort und bauliche Struktur der Wohngemeinschaften
Wir haben Wohnraum in zwei großen Etagenwohnungen im Zentrum von Düsseldorf und zwei große Einfamilienhäuser am verkehrsmäßig günstig angebundenen Stadtrand angemietet. Jedem Bewohner steht ein eigenes Zimmer zur Verfügung. Darüber hinaus verfügen alle Wohnungen über einen Gemeinschaftsraum, eine Wohnküche, mindestens zwei Bäder und separate Toiletten. Eine Wohnung ist mit einer großen Terrasse ausgestattet, zu dem Einfamilienhaus gehört ein Garten.
3.2  Mietverhältnis
Der Wohnraum der Wohngemeinschaften wird von der Beratungsstelle für Psychotherapie angemietet. Jeder Bewohner erhält einen Nutzungsvertrag.  Die laufenden Mietkosten tragen die Bewohner selbst.
3.3  Betreuungsvertrag
Der Betreuungsvertrag beinhaltet das Ziel der Betreuung und den Betreuungsrahmen wie: Hausdienstbesprechung, Gruppendynamische Sitzung, Großgruppe, Einzelbetreuung, Tagesbeschäftigung, Pychotherapie, Fachärztliche Betreuung, Entbindung von der Schweigepflicht gegenüber den Behandelnden Ärzten und Psychologen, Mitspracherecht bei der Aufnahme von Mitbewohnern, Zugänglichkeit des Wohnraums, Verantwortung für das Mobiliar in den Gemeinschaftsräumen, Dauer des Betreuungsverhältnisses / Kündigungfristen.
Regelverstöße führen in schweren Fällen zur Abmahnung und im Extremfall zur Kündigung.
4. Die Diagnosen
Die Diagnosen der bei uns aufgenommenen Patienten reichen von extremen Angst- und schweren Borderlinezuständen bis hin zu psychotischen, schizophrenen und manisch-depressiven Reaktionen. Ausgenommen von der Aufnahme sind Bewerber mit einer primären Suchtproblematik. Die Mehrzahl der Patienten war bereits einmal oder mehrfach stationär in psychiatrischer Behandlung. Weniger als ein Fünftel hat nur an einer ambulanten Psychotherapie teilgenommen, ohne jedoch einen befriedigenden Erfolg erreicht zu haben. Zum Zeitpunkt der Aufnahme nehmen über drei Viertel der Patienten Psychopharmaka. Bevor wir einen Patienten in eine unserer Wohngruppen aufnehmen, setzen wir uns mit den behandelnden Ärzten, Psychotherapeuten oder Kliniken in Verbindung, bemühen uns um eine Diagnose nach ICD 10, DSMIV und, soweit möglich, um ein psychodynamisch formuliertes Krankheitsverständnis.
5. Aufnahme in die therapeutische Gemeinschaft
5.1 Aufnahmevoraussetzungen
Die wichtigsten Kriterien für die Aufnahme sind:
·       die Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit den Betreuern, das Einhalten von Verbindlichkeiten sowie die Akzeptanz des Betreuungsvertrages
·       die Bereitschaft zur Teilnahme an einer zum jeweiligen Zeitpunkt angemessenen tagesstrukturierenden Maßnahme wie Arbeit bzw. Teilzeitbeschäftigung, beschützte Arbeit, Weiterbildungsmaßnahmen
·       die Bereitschaft, eine angemessene Psychotherapie zu beginnen
·       die Bereitschaft, sofern dies zunächst noch erforderlich ist, regelmäßig bei einem niedergelassenen Facharzt für Psychiatrie Behandlungstermine wahrzunehmen und die Medikation einzuhalten
·       ausreichende Stabilität, Nächte und Wochenenden ohne Betreuung verbringen zu können
·       ein Interesse an der Gemeinschaft der Wohngruppe und die Bereitschaft, sich auf das Leben in der Wohngruppe über einen Zeitraum von mindestens drei Jahren einzulassen und aus dem gemeinsamen Zusammenleben zu lernen
5.2  Perspektivgruppe
Interessierten Patienten bieten wir zunächst ein Vorgespräch an. Sie müssen dann über einige Wochen bis Monate an der sogenannten Perspektivgruppe teilnehmen. In dieser Gruppe wird ihnen einerseits unser Konzept des Betreuten Wohnens vermittelt, andererseits haben sie selbst Gelegenheit, sich über ihre Motivation klarer zu werden. Um sie darin zu unterstützen, wird die Perspektivgruppe von einem ehemaligen Bewohner der Wohngemeinschaften co-geleitet. Ernsthaft interessierten Teilnehmern der Perspektivgruppe wird auch die Möglichkeit geboten, einzelne Wohngemeinschaften zu besuchen, um die Bewohner kennenzulernen. In diesem Prozeß des Sich-Kennenlernens können beide ihre Erfahrungen austauschen und sich aktiv mit ihren Ängsten und Erwartungen auseinandersetzen.
Notwendig in dieser Phase ist auch die enge Zusammenarbeit unserer Mitarbeiter mit den bislang betreuenden Institutionen wie Wohnheimen, Sozialdiensten, psychiatrischer Klinik, etc., um die zukünftigen Bewohner auf die durch größere Unsicherheit und Offenheit gekennzeichneten Lebensbedingungen in der WG vorzubereiten. Sobald feststeht, daß ein Wohn- und Betreuungsplatz frei wird, erteilen wir einem der Bewerber eine verbindliche Zusage.
Die Mitbewohner der zukünftigen Wohngruppe haben ein Anhörungsrecht bei der Auswahl des neu aufzunehmenden Bewohners.
Die psychische Erkrankung sowie die Notwendigkeit einer ambulanten Betreuung im Rahmen einer betreuten Wohngemeinschaft muß vom behandelnden Facharzt attestiert werden. Beim Einzug sind meistens die zukünftigen Mitbewohner behilflich. Bei der Bewältigung der dazugehörenden verwaltungstechnischen Aufgaben helfen die Betreuer.
6. Das Konzept: theoretischer Hintergrund
6.1  Die fünf Säulen der therapeutischen Gemeinschaft
Graphik des Modells:
1. Jeder Patient muß an den beiden von uns geleiteten Gruppen seiner WG teilnehmen.
a) Eine Gruppe findet in den Räumen der WG statt, behandelt den organisatorischen Aspekt des Zusammenlebens.
b) Die zweite Gruppe findet in den Räumen der Beratungsstelle statt. Diese gruppendynamisch geleitete Gruppe sorgt sich um die emotionalen Bedürfnisse der Bewohner.
2. Jeder Patient muß gemäß einer festen Tagesstruktur leben, entweder strukturiert durch Arbeit, Schule, beschützte Arbeit oder eine Tagesklinik, etc..
3. Jeder Patient muß an einer seinen Bedürfnissen entsprechenden Psychotherapie teilnehmen, um seine traumatisierende Lebensgeschichte aufzuarbeiten. Bei schizophrenen oder manischen Patienten bedeutet dies oft, ihnen die Möglichkeiten von Psychotherapie überhaupt erst nahezubringen und sie bei der Kontaktaufnahme mit qualifizierten Psychotherapeuten zu unterstützen.
4. Die vierte Säule ist die Großgruppe, die vierzehntägig tagt. Sie hat folgende Teilnehmer:                alle Bewohner aller vier Wohngemeinschaften, die Betreuer,
           die Vorstandsmitglieder, die ausgebildete Gruppenanalytiker und Familientherapeuten
Diese Gruppe arbeitet kontinuierlich am therapeutischen Kulturraum der betreuten Wohngemeinschaften als Therapeutischer Gemeinschaft. Sie gibt gleichzeitig ein Gefühl von Sicherheit, indem sie die Bewohner aller Wohngemeinschaften umfaßt und das Gefühl einer großen Gemeinschaft ermöglicht. Die Großgruppe ist der Ort, an dem das Gefühl einer Lebenskultur am ehesten erlebt werden kann, weil die verschiedenen Gruppen sich gegenseitig wahrnehmen können und eine gemeinsame Grenze gegenüber Menschen, die nicht in den Wohngruppen leben, klar definiert wird.
5. Die Lebens-Netzwerk-Gruppe bestehend aus:
           der Wohngruppe des Patienten, den Mitarbeitern unserer Institution, den Psychiater in ihren      privaten Praxen, den unabhängig arbeitenden Einzel- oder Gruppentherapeuten,
           den Arbeitskollegen oder Mitarbeiter seines (beschützten) Arbeitsplatzes, der Familie, Freunden,
           in Zeiten einer akuten Krise im Krankenhaus dessen therapeutisches Personal, den Mitarbeitern
            des Landschaftsverbandes und des örtlichen Sozialamtes
6.2. Die Lebens-Netzwerk-Gruppe als Systemgruppe
Definiton: Die Lebens-Netzwerk-Gruppe begreifen und konzeptionalisiere wir als das gesamte soziale Netzwerk von Beziehungen, in dem der einzelne Patient lebt.
Grundlegend ist die Erkenntnis, daß innerhalb der Lebens-Netzwerk-Gruppe die selben Phänomene wie in Großgruppen, zum Teil noch verstärkt auftreten. Großgruppendynamiken und besonders Dynamiken von Lebens-Netzwerk-Gruppen neigen dazu, als ein bedrohlicher, verfolgender Hintergrund erlebt zu werden. Dieser ruft Projektionen, projektive Identifikationen und Spaltung im Fall von Borderline-Persönlichkeiten und Fragmentierung, Verschmelzung und Autismus bei schizophren strukturierten Persönlichkeiten hervor.
Das Ziel der einflußreichen, therapeutisch arbeitenden Mitglieder einer Lebens-Netzwerk-Gruppe ist es, deren Dynamik zu einem haltenden Hintergrund zu wandeln, der Toleranz, Respekt, Kommunikation, Halten und Aufnehmen fördert. Auf dieser Basis können abgespaltene und fragmentierte Gefühle und persönliche Aspekte sichtbar, aussprechbar und damit durcharbeitbar und letztlich integrierbar werden. Ein Gefühl der Sicherheit, Meister seines eigenen Schicksals zu werden, überlebensfähig zu werden und die Katastrophe, die das Selbst erfahren hat hinter sich zu lassen, wächst beim Patienten.
Nach unseren bisherigen Erfahrungen können wir feststellen, daß Bewohner, bei denen uns diese Integrationsarbeit gelungen ist, signifikante Fortschritte gemacht haben, sowohl in einem innerpsychischen Bereich von subjektiver Befindlichkeit als auch im Bereich der Psychopathologie, des Medikamentenverbrauchs und der sozialen Reintegration in das gesellschaftliche Arbeits- und Sozialleben. Auch bei Bewohnern, die schon oft in der Klinik waren, reduzieren sich stationäre Aufenthalte drastisch. Die Dauer der Klinikaufenthalte während akuter Krisen verringert sich erfahrungsgemäß auf eins bis zwei Wochen.
Die Bedeutung der Institution
Der institutionelle Rahmen ist die Freie gemeinnützige Beratungsstelle für Psychotherapie e.V.. Diese Dachorganisation ist von großer Bedeutung für die Patienten, weil Institutionen an sich archaische Gefühle hervorrufen können. Da sie als jemand erlebt werden, der die Macht hat, Leben zu strukturieren, existiert zeitweise tiefes Vertrauen in die Wahrnehmungen, die diese Institution zur Verfügung stellt. Sie gibt einerseits Sicherheit, wird aber andererseits verantwortlich gemacht für Gefühle von Vollständig-Kontrolliert-Werden oder sogar von Verschlungen-Werden. Die 14-tägige Großgruppe wird zur Bearbeitung dieser Ebene durchgeführt.
6.2 Art und Umfang der Betreuung
a) Gruppenarbeit
·     Die Perspektivgruppe führt den zukünftigen Bewohner in die Möglichkeiten und Bedingungen des Betreuten Wohnens als therapeutische Gemeinschaft in der Gemeinde ein.
·     In der vierzehntägig stattfindenden gruppendynamischen Sitzung werden aktuelle Probleme des Zusammenlebens unter Leitung des Betreuers behandelt.
·     Die wöchentlich einberufene Hausversammlung tagt in den Wohnräumen der jeweiligen WG und befaßt sich mit der Regelung praktischer und organisatorischer Belange gemeinsamer Haushaltsführung.
·     Die Großgruppe umfaßt alle vier von uns betreuten Wohngemeinschaften und findet alle zwei Wochen im Wechsel in einer der Wohngemeinschaften statt.
·     Die Bewerbungsgruppe findet drei mal wöchentlich statt und ist obligatorisch für alle Bewohner ohne strukturierten Tagesablauf, ohne Arbeit, beschützter Arbeit, Ausbildung oder ähnliches.
b) Einzelarbeit
·     Zum Kern der professionellen Betreuungsarbeit gehört der Aufbau tragfähiger Beziehungen der Betreuer zu den Bewohnern, sowie deren Begleitung und Unterstützung in persönlichen Krisen. Dies ist gewährleistet durch gezielte Kontaktaufnahme der betreuenden Sozialarbeiter. Ferner besteht die Möglichkeit, in Einzelgesprächen aktuelle Problemstellungen persönlicher und alltagsbezogener Art zu besprechen, Arbeitsfragen, Arbeitvorstellungen, Therapieplatzsuche, etc..
c.) Die Arbeit mit der Familie
·     Bei Bewohnern, die noch in einer intensiven, häufig sehr problembeladenen Beziehung mit ihren Angehörigen stehen, werden nach Bedarf Einzel- und Familiengespräche mit den Eltern geführt. Voraussetzung ist die Einwilligung des jeweiligen Bewohners.
Das Zentrum der psychologischen und sozialen Integration liegt in der Lebensgruppe jeder Wohngemeinschaft. Sie liefert die nötige Sozialenergie, um tiefgreifende und anhaltende Persönlichkeitsstrukturveränderungen zu bewirken.
Unser Prinzip der Betreuungsarbeit ist, die größtmögliche Selbständigkeit der Bewohnergruppe sowie die Selbstbestimmung der einzelnen Bewohner zu fördern und zu fordern, ohne daß jedoch die Verantwortung für den gesamten Entwicklungsprozeß an die Bewohner delegiert wird.
Das Ziel der Betreuung ist die Herstellung stabiler und tragfähiger Beziehungen der Bewohner untereinander, so daß die bislang unbewußt wirksamen destruktiven Beziehungsmuster wegfallen können und neue, befriedigendere Beziehungsmuster gelebt werden können. Es findet eine Konfliktbearbeitung statt, welche möglich wird, weil traumatisch wirkende Defizite geduldet und getragen werden, bis die dahinter liegenden traumatischen Erfahrungen und konfliktuösen Gefühle wahrgenommen und verstanden werden können.
7. Psychologischer Hintergrund: Das Milieu
7.1  Die Arbeit mit dem Milieu
Das Milieu der Wohngemeinschaften als Ort vielfältiger Übertragungsmöglichkeiten sowie die Arbeit mit dem Milieu stehen im Zentrum des Prozesses der Auseinandersetzung mit der äußeren Realität und der inneren psychischen Realität des Bewohners und haben somit einen ganz hohen Stellenwert im Betreuten Wohnen.
Die Wahrnehmung und Auseinandersetzung darüber, wie die einzelnen Bewohner ihren Lebensraum konstruktiv oder destruktiv gestalten, wie sie z. B. ihr Zimmer einrichten, die Gemeinschaftsräume behandeln, ihre Freizeit verbringen, Beziehungen zu Menschen und Tieren eingehen, ist insofern wichtig, weil sie den Umgang des Betroffenen mit sich selbst spiegeln. Betreuer und Mitbewohner können dem einzelnen helfen, die innerpsychische Bedeutsamkeit des äußeren Geschehens zu verstehen und in bezug zu seiner Lebensgeschichte zu setzen. Sie können ihn darin unterstützen, seine positiven und kreativen, aber auch defizitären oder gar zerstörerischen Aspekte wahrzunehmen und zu reflektieren. Durch diese konstruktive Konfrontation mit seinen Schwierigkeiten in der Realitätsbewältigung kann der einzelne Bewohner lernen, sie zu bewältigen. Durch die Unterstützung seiner positiven Anteile werden Erfolgserlebnisse möglich, die eine Ich-Stärkung bewirken. Durch die Auseinandersetzung mit dem zerstörerischen Verhalten und Lebensstylen werden Defizite als Folge von Konflikten und unerträglichen Gefühlen, in Reaktion auf erlittene Traumata, auflösbar.
7.2  Milieutherapeutische Aktionstage
Im Rahmen von milieutherapeutische Aktionstagen werden brachliegende Fähigkeiten in der realen Praxis gefördert, indem z. B. gemeinschaftlich in der Wohnung gearbeitet wird. Dabei geben die Betreuer der Gruppe und einzelnen Bewohnern den emotionalen Rückhalt und im Einzelfall konkrete Hilfestellung, Dinge auszuprobieren und zu bewerkstelligen, die sie sich sonst nicht zutrauen, weil sie in einer verkrusteten negativen Haltung gefangen sind, die ihnen alles, was sie anpacken, als zum Scheitern verurteilt erscheinen läßt. Diesem Negativismus etwas Positives entgegenzusetzen, ist eine fortwährende Aufgabe auf der individuellen und der Gruppen-Ebene.
Unsere Erfahrung ist, daß einerseits ein eher regressionsförderndes stationäres Milieu, den Patienten langfristig infantilisiert und eine zu wenig unterstützende Situation der ambulanten, ausschließlich medikamentösen Versorgung auf der anderen Seite besteht. Im Unterschied dazu eröffnet das schützende, gleichzeitig aber fordernde Milieu der betreuten Wohngemeinschaft als Therapeutischer Gemeinschaft in der Gemeinde, vielen Bewohnern eine echte Entwicklungsmöglichkeit.
7.3  Das milieutherapeutische Wochenende
Auch das jährlich stattfindende milieutherapeutische Wochenende wird mit dem Ziel durchgeführt, möglichst allen Bewohnern einer Wohngruppe Gelegenheit zu geben, während vier Tage eines langen Wochenendes kreativ tätig zu werden, sich mit den eigenen konstruktiven, kreativen Anteilen in der Gruppe präsent zu machen. Für die Wohngruppe als ganzes ist es zudem eine Chance näher zusammenzufinden und Außenseitern den Weg in die Gruppe zu öffnen.
8. Die Organisation: innere Strukturen
8.1  Die Rolle des Sozialarbeiters
1.   Ihre wichtigste Aufgabe besteht darin, die unterschiedlichen Lernfelder des Patienten zusammenzuführen und ihm zu helfen, seine abgespaltenen und fragmentierten Erfahrungen zu integrieren.
2.   Sie unterstützen die Wohngruppe, eine Atmosphäre gegenseitiger Anteilnahme und Neugierde zu schaffen.
3.   Der Sozialarbeiter muß für den Patienten die Realität überprüfen und ihn zeitweise in der Realitätsbewältigung unterstützen.
4.   Er muß die Rolle, den Stellenwert und die szenische Bedeutung verstehen, die die gesamte Wohngruppe für den Patienten hat. Er muß verstehen, inwieweit dieser seine infantile traumatische Primärgruppensituation, bzw seinen Basiskonflikt wieder in Szene setzt, welche Aspekte er dabei wiederbelebt in dem ihm (dem Patienten) vertrauten Versuch, mit der Realität des gemeinschaftlichen Lebens in der Wohngruppe fertig zu werden.
5.   Er versucht zu klären, was die Institution der Beratungsstelle als Trägerverein der Wohngemeinschaften für den Patienten bedeutet.
6.   Der Sozialarbeiter muß die Übertragung des Patienten auf ihn selbst verstehen, die häufig sehr intensiv und von großer Bedeutung für den Patienten ist.
7.   Fast immer muß der Sozialarbeiter mütterliche oder väterliche Funktionen übernehmen, weil es ihm erst dann gelingen kann, den Patienten affektiv in seinem Wachstum zu unterstützen.
8.   Besonders wichtig ist es dem Patienten bewußt zu machen, daß er tiefverwurzelte, ungelöste psychologische Probleme und/oder Defizite in seiner Persönlichkeitsstruktur hat.
9.   Entwicklung einer Vision mit dem Patienten zu entwickeln.
10. Kontinuierlicher Austausch des Sozialrbeiters mit den verschiedenen Menschen, die mit dem Betreuten arbeiten.
8.2  Die Rolle der Supervision
Patienten neigen auf Grund des Wiederholungszwangs dazu, ihre infantile Primärgruppendynamik wiederzubeleben und in Szene zu setzen, wodurch der Betreuer eine Zielscheibe von Verwicklung und Übertragung wird. Supervision ist wichtig, um den Therapeutischen-Gemeinschafts-Arbeitern zu helfen:
1.   sich selbst zu finden und bei sich zu bleiben inmitten der zwischenmenschlichen und gruppendynamischen Kräfte von Verwicklung, denen er ausgesetzt ist
2.   fähig zu werden, die Gegenübertragungsgefühle auszuhalten, ohne dem Gefühl zu erliegen, eine Marionette des Patienten zu werden
3.   zu klären, wie der einzelne Patient seine Primärgruppendynamik oder einzelne Aspekte davon innerhalb der Gruppenmatrix der Wohngemeinschaft wiederherstellt und in Szene setzt, und welche besonderen Rollen bzw. Persönlichkeitsanteile er einzelnen anderen Bewohnern zuschreibt
4.   Konflikte innerhalb des Teams als eine Gegenübertragung auf das Spalten und die Fragmentierung zu verstehen, die innerhalb der Patientengruppe ablaufen
5.   ermöglichen eines Besuches unserer Institution durch therapeutische Teams anderer Einrichtungen. Dies fördert den fachlichen Austausch und hat die Wirkung einer Institutionssupervision.
Die kontinuierliche Supervisionsarbeit wird in zwei wöchentlich tagenden Supervisionsgruppen, an der alle hauptamtlichen Mitarbeiter teilnehmen, durchgeführt. Vierzehntägig tagt eine große Teamkonferenz, an der alle Mitarbeiter, der Vorstand und ehrenamtliche Mitarbeiter teilnehmen.
8.3  Der Stellenwert der Arbeit
Im Rahmen des Prozesses einer gesellschaftlichen (Wieder-)Eingliederung ist der Erfolg ambulanter Betreuung immer auch abhängig von der beruflichen und gesellschaftlichen Integration des zu Betreuenden. Im Wissen um diese Bedingtheit erhalten Arbeit, Ausbildung oder sinnvolle Beschäftigungsmöglichkeiten ihren besonderen Stellenwert für den Bewohner. Sie eröffnen ihm den Weg zurück in die Gesellschaft, werden eine Quelle konstruktiver Selbstbestätigung und stellen einen gesellschaftlich meßbaren Fortschritt dar. Häufig ist dieser Lebensbereich auch ein Sprungbrett für weitere Außenkontakte. Dies zu fördern, ist besonders in der zweiten Hälfte der Betreuungszeit wichtig, da es hier gilt, den einzelnen zu unterstützen, sein Leben nach der Betreuungsphase zu strukturieren. Arbeit ist mit Autonomiegewinn verbunden und ermöglicht dem Patienten den Aufbruch in eine äußere und innere Unabhängigkeit.
9. Verlassen der therapeutischen Gemeinschaft
9.1  Bewerbungsgruppe
Drei mal wöchentlich (Montags, Mittwochs und Freitag) um 8:30 findet eine Bewerbungsgruppe statt. Sie ist für alle Bewohner, die noch keinen strukturierten Tagesablauf haben obligatorisch. Gemeinsam werden Anzeigen in den Tageszeitungen gelesen, Bewerbungsschreiben aufgesetzt, Bewerbungstermine vereinbart, Bewerbungsängste durch Rollenspiele abgebaut, Perspektiven und Visionen für die Einzelnen Teilnehmer erarbeitet. Es wird im Bedarfsfall auch Kontakt zu den einzelnen Firmen und Werkstätten aufgenommen, Möglichkeiten für Praktika und Schnupper-Praktika ausgehandelt, der Kontakt zu Arbeitsamt und den Arbeitsberatern wird gepflegt, Möglichkeiten für Reha- und Wiedereingliederungsmaßnahmen werden erkundet. Oberster Leitsatz der Bewerbungsgruppe ist, daß die einzelnen Miglieder, mit Unterstützung der Gruppe, soviel wie möglich selber in die Hand nehmen und die Mitarbeiter nur wenn dies von der Gruppe nicht geleistet werden kann, eingreifen.
9.2  Nachsorge
Die Notwendigkeit einer Nachsorge der Bewohner erübrigt sich in den meisten Fällen dadurch, daß fast alle ehemaligen Bewohner ihre Psychotherapie noch über den Zeitraum des Betreuten Wohnens hinaus fortsetzen. D.h. ihnen bleibt eine oder mehrere wichtige Bezugsperson in der Trennungssituation erhalten. Gleichzeitig nehmen viele Bewohner die Gelegenheit wahr, ihre ehemalige Wohngruppe noch öfter zu besuchen und Freundschaften mit einzelnen ehemaligen Mitbewohnern zu pflegen.
In der kritischen Phase der Ablösung und emotionalen Trennung ist Hilfestellung bei der Orientierung nach außen und dem Umgang mit sich abzeichnenden Veränderungen hinsichtlich der Selbststrukturierung des Tagesablaufs bzw. der beruflichen Arbeit erforderlich. Für einzelne Bewohner, die sich noch über einen längeren Zeitraum nach ihrem Auszug aus der Wohngruppe abnabeln müssen und die Sicherheit des Betreuerteams benötigen, gibt es die Möglichkeit, über einen längeren Zeitraum (bis zu sechs Monaten) einzelbetreut zu werden, während sie bereits in ihrer eigenen Wohnung leben.
10. Realisierbarkeit  durch vorhandene Mittel
Das Modell wird seit 1989 kontinuierlich verwirklicht und weiterentwickelt. Eine erste katamnestische Studie (Hafers, A. 1995) hat gezeigt, daß im Vergleich zu herkömmlichen Behandlungen die Erfolgsquote um 80% höher liegt.
Realisiert wird das Model zur Zeit durch zwei Säulen:
1. Betreutes Wohnen nach den Richtlinien des Landschaftsverbandes Nordrhein mit einem Betreuungsschlüssel von 12 Bewohnern und einem Sozialpädagogen/arbeiter und
2. durch das ehrenamtliche Engagement von Psychoanalytikern, Systemanalytikern und Gruppenanalytikern, welche den Bereich konzeptionelle Weiterentwicklung, Supervision durch sehr gut ausgebildete Gruppen- und Psychosenpsychotherpeuten, Großgruppenleitung und Arbeit mit der Familie (dies in vier Bereichen: Verantwortung teilen, akute Stressfaktoren diagnostizieren, Unterstützung und Psychoedukation, Beziehungserbesserung) abdecken.
3. Die vorhandenen Ressourcen, sowohl der haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter aber vor allem auchder Betroffenen und ihrer Mitbewohner-Patienten werden optimal benutzt. D.h. es wird konsequent an einer Weiterentwicklung, Förderung und Forderung der verbliebenen konstruktiven, kreativen Resourcen des Pat. gearbeitet. Durch kontinuierliche Psychotherapie findet eine Konfliktbearbeitung und nachholende Entwicklung in vielen Bereichen statt, was neue Ressourcen beim Pat. freilegt.
Gleichzeitig werden durch die gruppendynamische und  milieutherapeutische Arbeit die konstruktiven Fähigkeiten der Mitbewohner-Patienten für einander gegenseitig nutzbar gemacht. Es ist somit auch nicht zufällig, daß in der katamnestischen Untersuchung, auf die Frage, was hat ihnen am meisten geholfen, der Kontakt zu Mitbewohnern am häufigsten genannt wird.
In diesen Zusammenhang ist auch zu werten, daß das soziale Netzwerk der Exbewohner für viele weiterhin wichtig bleibt und sich verwebt mit einem eigenen neuen Freundeskreis. Gleichzeitig ist die Integrierung von Ex-Bewohnern in die reale Arbeit, in der Perspektivgruppe und den Vorstand, Ausdruck, dieser Ressourcen aktivierenden und jeden Einzelnen wertschätzenden Haltung.
11. Theoriebildung und -weiterentwicklung
Dieses Konzept wird kontinuierlich weiterentwickelt in einem fortwährenden, zumindest jährlich stattfindenden fachlichen Austausch mit Mitgliedern der:
1. Anglo-Dutch Association for Therapeutic Communities
2. International Association for Group-Psychotherapy
3. International Society for the Psychological Trearment of the Schizophrenias and other Psychoses
Die Beratungsstelle organisiert jährlich ein Symposium, in der ein Forum geschaffen wird für Psychotherapeuten aus dem ambulanten und stationären Bereich und Sozialarbeiter und Sozialpädagogen, die in Einrichtungen des Betreuten Wohnens oder ähnlichem arbeiten, um sich austauschen und sich auf dem Gebiet der Psychotherapie psychotischer Erkrankungen fortbilden zu können.
12. Abschließende Bewertung des Modells
1.Leistungsebenen, die qualitativ verbessert bzw. wirtschaftlich entlastet werden:
a) Die ambulante ärztliche und psychologische Versorgung wird durch die qualitative Integration spürbar ausgeweitet, psychiatrische Patienten, die durch Psychopharmakatherapie und fragmentierte Reha-Maßnahmen nur auf einem niedrigen Niveau stabilisiert wurden, mit relativ häufigen Rezidiven, wird eine Möglichkeit zu realer „Besserung“ auf allen vier von Ciompi diskutierten Leistungsebenen eröffnet. Ihnen wird ein therapeutisches Feld außerhalb der Klinik eröffnet, das mehr bietet als psychopharmakologische Stabilisierung auf niedrigem Leistungs- und Lebensnieveau sowie Dauerverwahrung in der Gemeinde.
Patienten deren ambulante Psychotherapie entweder immer scheiterten oder stagnierten, da das Lebensfeld des Patienten zu krankheitsfördernd war können nun erfolgreich durchgeführt werden.
Durch das Anbieten einer kontinuierlichen psychosenpsychotherapeutischen Weiterbildung in kgnitiven und psychodynamischen Psychotherapiemethoden, wird die Kompetenz Menschen mit diesen Krankheitsbildern zu behandeln bei ärztlichen und psychologischen Psychotherapeuten verbessert.
b) Stationäre psychiatrische Behandlungen können auf Kriseninterventionen begrenzt werden, da nach der Entlassung eine Betreuungs- und Therapiekontinuität gewährleistet wird. Der Kontakt zum Pat. wird sowohl durch Betreuer als auch Mitbewohner während des stationären Aufenthaltes aufrecht erhalten, so daß Kontinuität mit Schwerpunkt im ambulanten Bereich erhalten bleibt.
Die Nachteile des US-amerikanischen managed care Systems in dem die stationäre
Krankenhausversorgung zeitlich auch bei akuten psychotischen Reaktionen auf 3-4 Tage begrenzt ist, der Pat. dann aber wieder in seine alte Umgebung entlassen wird, somit einer Drehrürpsychiatrie Vorschub geleistet wird, wird vermieden bei gleichzeitiger Kostenersparnis.
Die Sektorpsychiatrie, als ein Versuch langfristige Betreuung zu gewährleisten ist auch wesentlich teurer, da hier der Schwerpunkt in der teuren stationären Psychiatrie liegt.
c) Integration des gesellschaftlichen Sozialsystems: Als einen entscheidenden Kostenverursa-chungsfaktor beurteilen wir die große Fragmentierung und die unzureichende Koordinierung und Integration der verschiedenen „Helfer“. Die unzulängliche Aufarbeitung von Fragmentierungs- und Spaltungsprozessen hält den Krankheitsprozess aufrecht, indem  die individualpsychologischen und gruppendynamischen Abwehrformation kontinuierlich verstärkt werden.
Die Integrative Koordinierung aller Reha-Maßnahmen und das psychodynamische Verständnis der vom Pat. in Szene gesetzten Spaltungs- und Fragmentierungsprozesse ermöglichen erst für den einzelnen Pat. eine Weiterentwicklung auch seiner interpersonnellen Beziehungs-fähigkeiten, die die Basis für jegliche Berufliche Rehabilitation bilden. Es kommt zu erheblichen Einsparungen für Rententräger, Sozialhilfe (Kommunen) und Arbeitslosen-unterstützung (Bund).
2. Was macht das Innovative aus?
.
a) es wird ein verbesserte Integration und dauerhafte, langfristige therapeutische und Betreuungsbeziehung ermöglicht.
b) die Integration von Therapie, Rehabilitationsmaßnahmen und Betreutem Wohnen als Lebensschule (Therapeutische Gemeinschaft im Sinne von Bettelheims Lebensschule) wird erreicht. Letztendlich hat der Pat. die Chance diese Fähigkeit identifikatorisch selber zu entwickeln.
c) Durch einen integrierenden, intelligenten, da psychodynamisch und gruppendynamisch geschulten Kommunikationsaustausch wird eine Weiterentwicklung der Persönlichkeit des Einzelnen gefördert und eine Stagnation, bzw. ein Rückschritt und Persönlichkeitsstrukturverfall verhindert (Hospitalismus tritt nicht nur in schlechten Kliniken auf, sondern auch ambulant, wenn kein ausreichend haltendes (containing) und wachstumsförderndes Umfeld geschaffen wird).
d) Die Ressourcen des Pat. werden optimal gefordert und gefördert auf den von Ciompi beschriebenen vier Achsen:  Eigenverantwortliches Wohnen, sinnvolle Tätigkeit und bezahltes Arbeiten, strukturierte und befriedigende private Lebensführung, möglichst geringer langfristiger Betreuungsbedarf..
e) Supervision und Prozessmanagment werden verzahnt und  das Lebensnetzwerk des Pat. wird geflochten, erweitert, integriert, gefordert und gefördert. Ziel ist es, daß der Pat. zunehmend fähig wird sein eigens Lebensnetzwerk zu strukturieren und zu organisieren.
f) Rehabiliton wird ernst genommen. Es wird an den psychische Strukturen gearbeitet und es findet eine Konfliktbearbeitung statt: Die Traumatisierung durch die Krankheit und von Traumatisierungen, die den Krankheitsprozess unterstützen, ausgelöst oder erst ermöglicht haben werden psychotherapeutisch behandelt. Dies führt nicht nur zu einer größeren „Compliance“, sondern auch zu einer besseren, da signifikant niedrigere Dosierungen von Psychopharmaka nötig werden und teilweise gänzlich darauf verzichtet werden kann.
Neben einer nachholenden Entwicklung von Entwicklungsdefiziten findet ein Aufspühren von verbliebenen, verschütteten und unentdeckten Resourcen statt. Für den einzelnen Patienten-Bewohner wird gemeinsam mit Wohngruppe, Team und Großgruppe eine Vision erarbeitet.
3. Evaluierbarkeit
Die Qualitätssicherung erfolgt durch kontinuierliche Supervision (Prozessqualität) und durch
Erfolgskontrolle.
Gleichzeitig kann dieses Model relativ leicht evaluiert werden:
a) auf Ciompis sozialen Dimensionen und durch
b) psychodiagnostische Momentaufnahmen, vorher, nacher und drei Jahre später und durch
c) die ersparten Kosten in den Bereichen Klinikaufenthalte, Unterhalt und sonstige Krankheitskosten.
13. Zusammenfassende Bewertung
1. Dieses Model scheint uns dadurch gesundheitsökonomisch relevant, daß
a) Klinikaufenthalte reduziert werden
b) stagnierende ambulante Psychotherapien effektiver und erfolgversprechender durchgeführt werden können,
c) fragmentierte Rehabilitationsmaßnahmen nicht verschwendet werden, da die nötige damit einhergehende Konflikt und Defizitbearbeitung nicht unterbleibt und somit jeden Erfolg nichtet.
d) psychiatrische Patienten (als Schizophren, psychotisch, manich-depressiv diagnostizierte) nicht in der Gemeinde zu Dauerfällen mit schleichendem Persönlichkeitsabbau werden müssen.
2. Die sofortige Realisierbarkeit
ergibt sich aus der Integration bestehender Ressourcen und deren Weiterentwicklung:
a) Die qualifizierte Supervision durch sehr gut ausgebildete Gruppen- und Psychosen-psychotherapeuten
aa) Weiterbildung von Sozialarbeitern, -pädagogen und niedergelassener Psychotherapeuten erfolgt durch:
- institutsinterne Supervision
- regionale Weiterbildung in einer Supervisions und Fortbildungsgruppe
- jährlich stattfindenden Symposia
- überregional durch Weiterbildung in Psychosen- und Schizophrenie-Psychotherapie
b)ein adaequater Personalschlüssel (1:6)
c) eine kontinuierliche Weiterbildungsverpflichtung und die Verpflichtung zu therapeutischer Selbsterfahrung aller Mitarbeiter.
14. LITERATUR
Ciompi, L. (1996): Der Nutzen der Sozialpsychiatrie. In: gemeindenahe psychiatrie, 1/96, Nr.57
Hafers, A. (1995): Vom Inselhüpfen zum Festland, Betreutes Wohnen als Therapeutische Gemeinschaft. Systema, 10.Jrg. 2/1996
Jones, Maxwell (1953): The Therapeutic Community: A new treatment method in Psychiatry. New York:
Smith, Bruce L. (1989): The Community as Object. In: The Facilitating Environment - Clinical Applications of Winnicott’s Theory , International University Press, Connecticut
Wallenberg Pachaly, Andreas von (1980): Das milieutherapeutische Feld der dynamisch-psychia­trischen Klinik als diagnostisches Instrument von Ich-Struktur und Gruppendynamik bei Depression und Psychosomatik. Dynamic Psychiatry 13, 60
Wallenberg Pachaly, Andreas von (1992): The Time-Limited Psychoanalytic Milieutherapeutic Community, in: Therapeutic Communities Vol. 13 No. 4. London: Association of Therapeutic Communities
Wallenberg Pachaly, Andreas von (1997): The Large Group and the Large System Group  - Coping with Fusion, Fragmentation, and Splitting within the Large Group Setting of the Therapeutic Community within the Community: Therapeutic Communities Vol. 18 No. 3. London: Association of Therapeutic Communities
Wallenberg Pachaly, Sylvia von (1997): The Odysse of Sheltered Living in the Therapeutic Community within the Community. In: Therapeutic Communities Vol. 18 No. 1. London: Association of Therapeutic Communities
Winnicott, D. W. (1972): The Maturational Process and the Facilitating Environment: Studies in the Theory of Emotional Development. London: Hogarth Press
Düsseldorf, 18.Dezember 1997
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